Judas von Amos Oz

Winter 1959 in Jerusalem. Dem jungen Schmuel Asch gehts nicht gut. Seine Freundin hat ihn verlassen und sein Vater kann sein Studium nicht weiter finanzieren. Und doch wäre seine Diplomarbeit über Jesus aus Sicht der Juden von grosser Bedeutung. Seine These, Judas Ischariot sei keineswegs ein Verräter gewesen sondern im Gegenteil der treueste Verehrer von Jesus – eigentlich der erste und letzte echter Christ – wäre ja revolutionär. Aber Schmuel ist verzweifelt. Er verliert sein Ziel aus den Augen und hat keine Kraft, weiter zu kämpfen. Somit wirkt er vor allem als Antiheld.

Das Inserat in der Mensa verspricht ihm eine beispiellose Lösung: eine Anstellung als Gesellschafter eines älteren Gelähmten, inklusive Logis und eines kleinen Entgelts. Sofort zieht er ein und unterhält sich immer abends mit dem gebildeten, bettlägerigen Gerschom Wald, der sich sowohl für philosophische wie auch politische Debatten interessiert.

Im gleichen Haus lebt auch die attraktive, unnahbare Atalja Abrabanel. Schmuel verliebt sich in sie und die Beziehung wird kompliziert; sie zieht sich – nicht immer überzeugend – durch das ganze Buch hindurch.

Es stellt sich heraus, dass Ataljas Vater Shealtiel Abrabanel – in früheren Jahren ein aktiver Zionist und Mitstreiter Ben Gurions – sich absolut gegen eine Staatsgründung Israels stark machte. Zusammen mit seinen vielen Arabischen Freunden stellte er sich – nachdem die Briten das Mandat für Palästina an die Vereinten Nationen abgeben würden – eine friedliche, gemischte Gesellschaft vor, ohne traditionelle Staatsform. Diese Idee kam bei seinen Freunden der Jewish Agency nicht gut an und bald wurde er aus allen politischen Gremien verstossen und als Verräter seines Volkes betrachtet.

Nachdem seine Tochter Gerschom Walds Sohn Micha heiratete, lud er seinen Schwiegervater ein, bei ihnen zu wohnen, obwohl dieser, im Gegensatz zu ihm selber, von David Ben-Gurions Mut, Beharrlichkeit und staatsmännischem Geschick überzeugt war.

Am 29. November 1947 kam es zur Staatsgründung und es kam zum Krieg. In den ersten Gefechten kam Micha auf grausame Art um. Gerschom wurde untröstlich und verlor alle Hoffnung auf Frieden mit den Arabern. Mit der Zeit konnten die Männer nicht mehr miteinander friedlich reden und Shealtiel zog sich in die verschlossene Welt seines Zimmers zurück, stets überzeugt, die Staatsgründung sei ein hoffnungsloser Fehler gewesen und Israel würde früher oder später von der Übermacht der Araber vernichtet.

Zwischendurch bekommen wir Schmuels Gedanken über Jesus mit, den er als guter aber schwacher, unentschlossener Revolutionär unter vielen anderen Wunder wirkenden Aufständischen sieht, sowie über Judas, der Jesus motivierte,mit seinen Anhängern gegen die römischen Herrschern zu rebellieren. Alles geht schief. Jesus wird gekreuzigt und steigt nicht vom Kreuz herab. Somit wird Judas – wie auch Shealtiel Abrabanel – irrtümlich von den meisten Leuten – besonders von Christen über alle Jahrhunderte – als Verräter betrachtet, sogar als Archetyp des bösen Juden, der Gott immer wieder ermordet.

Der Leser lernt vieles sowohl über die aufregenden Ereignisse in den Jahren nach der Staatsgründung Israels wie auch über die jahrhundertelange Spannung zwischen Juden und Christen in Zusammenhang mit der Kreuzigung Jesu. Amos Oz verwendet einen eigenartigen Schreibstil. Emotionale und philosophische Gedanken werden mit alltäglichen Geschehen durchmischt; gewisse Abläufe werden bewusst mehrfach wortwörtlich wiederholt; und ständig schimmert die ziellose Unentschlossenheit Schmuels durch.

Ein ganz starker Abschnitt befindet sich im Kapitel 47, wo wir in die Zeit der Kreuzigung Jesu versetzt werden und die ganze Tragödie gefühlsstark durch die Augen von Judas erleben – bis er sich erhängt.

Unterschwellig spiegelt das Buch einen Vergleich zwischen Judas Ischariot und Shealtiel Abrabanel – aus der Sicht Schmuels, beide missverstandene, erfolglose Weltverbesserer, die als Verräter verachtet werden.

Den Schluss des Buchs finde ich schwach. Aber, eben, ein Antiheld ragt selten als entschlossener Sieger hervor.

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