Grumpy Old Man über Postmodernismus

Europa hat sich (seit 1968) verändert! (Die USA erst seit den 90er Jahren.)

  • Rationalismus, die Herrschaft der Naturwissenschaft, Respekt vor Wissen, Autorität, Logik sind vorbei, weil sie versagt haben
  • Wichtig sind: Gefühle und Eindrücke, eigene Erfahrung, Beziehungen, Toleranz, Meinungsaustausch. Niemand mehr hat das Recht zu behaupten, er habe Recht. Jeder ist gleichgestellt. Jede Meinung ist gültig. Wir sind alle voneinander abhängig. Es gibt keine Absolute.

Diese Tatsache kann man nicht verneinen oder rückgängig machen. Für die aktuelle Eu40-Generation (Europäer unter 40 J) ist dies alles so selbstverständlich, sie können sich nicht vorstellen, warum jemand sich damit auseinandersetzt; sie kennen ja nichts anderes.

Nicht formulierte Ideen, sondern Musik und visuelle Medien, verbreitet durch elektronische Kommunikationsmittel, prägen die Eu40 unaufhaltsam. Es nützt nichts, auf etablierte Normen oder Dogmen Bezug zu nehmen; diese haben kein Gewicht mehr.

Für die Ü40 (wie ich) ist dies erschreckend, bedrohlich, und wir wollen es nicht wahrnehmen. Aber wir sind ‘schuld’ daran, weil unser arrogante Rationalismus die Weltkriege, Umweltkatastrophen, Epidemien und ideologische Machtspiele nicht wie versprochen verhindert hat, und wir eine offensichtlich leere kapitalistische, sexistische, konsum- und vergnügungsorientierte Welt aufgebaut haben, die menschenunwürdig bzw. -verachtend ist; alte Traditionen, wie die Ehe als Lebensbund, haben sich als ungültig erwiesen.

Für die Eu40 ist es sehr schwierig, irgendeinen Lebenssinn zu finden. Dies stört sie in der Regel nicht, weil sie ja heute leben, kann aber zu Depressionen, Suchtverhalten und Nihilismus führen.

Der Paradigmenwechsel hat stattgefunden; er ist aber nicht grundsätzlich schlecht. Im Gegenteil, er hat sehr wertvolle Elemente, wenn man sie akzeptiert (und die Eu40 müssen sie ja nicht akzeptieren, sie leben sie einfach, weil sie nie etwas anderes erlebt haben):

  • Respekt für jedeperson
  • Ehrlichkeit
  • Glaube an eine spirituelle Welt und Sehnsucht nach übernatürlichen Erfahrungen
  • Bereitschaft zum Zuhören, so lange nicht von oben herab gepredigt wird
  • Betonung auf Beziehungen, Gemeinschaft, Liebe
  • Mitgefühl für Schwache, Benachteiligte
  • Bereitschaft zum Teilen
  • Desinteresse an Materialismus, usw.

Wahrheitsansprüche werden verachtet! Niemand fragt mehr nach Wahrheit; sie haben zu viele Lügen gehört. So lange wir Autorität beanspruchen, überheblich verurteilen, oder aus etablierten Gewohnheiten oder Normen handeln, werden wir nicht ernst genommen.

“Neuperson” ist frei, lässt sich nichts sagen, lässt sich jedoch durch pragmatische bzw. gefühlsmässige Meinungen anderer beeinflussen, trifft dann eigene Entscheidungen. Wenn Ordnung, Pflicht, Verbindlichkeit, Planung, Disziplin verlangt wird, löst das nur Rebellion aus, und Neuperson macht nicht mit. Aber sie lässt sich begeistern, und ist dann aus eigenem Willen bereit, sich hingebungsvoll für eine Sache einzusetzen; aber kaum sich dafür über längerer Zeit zu verpflichten.

Die Politik, die Wirtschaft, die Industrie, die Kirche, das Bildungswesen, wie wir sie kennen, werden – weil sie sich auf Strukturen, Plänen, formellen organisatorischen Prozeduren basieren – nicht mehr lange überleben, denn die Generation wird fehlen, die sie aufrecht erhalten kann oder will. Es werden neue Gesellschaftsformen und Beschäftigungen entwickeln, eine Rückkehr zu einfachen, naturnahen (primitiven!) Lebensweisen; Fairness und Teilen werden gross geschrieben; Geld wird an Bedeutung verlieren. Kunst in allen Formen wird wichtiger.

Christliche Gemeinden können weiterhin ‚moderne’ Rationalisten (Ü40), unkritische Mitläufer, und z.T. Kinder strengmoderner Eltern ansprechen, indem sie mit ihren wortbetonten, sucherorientierten oder traditionellen evangelikalen Programmen fortfahren. Aber die aktuelle Eu40-Generation (und die nächsten) werden sie ignorieren. Wenn man diese erreichen will, muss man (ideologisch) zu ihnen gehen, und unter ihnen geistliche Inhalte in einer Form anbieten, die sie respektieren: Mystik, Gespräche, Dienen, Annahme, Gebet, Anbetung, gelebte Gemeinschaft, …

Weitere gefährliche Faktoren

  • Auch „Neuperson“ ist Egoist und wird Böses tun
  • Islam – eine mittelalterliche Weltanschauung – gewinnt markant an Bedeutung und Anhängerzahlen im Westen und bedroht unsere marode Gesellschaft
  • Gewissenlose Neureiche werden ihre Macht missbrauchen, und haben die technologischen Mittel zur Verfügung, die herrschend oder zerstörend wirken können
  • Die Asiaten, Araber, Afrikaner, Russen haben diesen Schritt zum Postmodernismus noch nicht gemacht; wie wird sich das entwickeln?
  • Die Ü40 werden mit aller Kraft versuchen, die etablierten Strukturen aufrecht zu erhalten, was zu ernsthaften Konflikten führen könnte

Soweit für heute. VS 2007-03-10

4 thoughts on “Grumpy Old Man über Postmodernismus”

  1. Ü40er werden wohl auch – vor allem wenn sie sich nicht damit auseinandersetzen – in ganz reale, persönliche Motivationskrisen geraten. Sich wünschen, an den Ursprung zurückgehen zu können – das Rad der Zeit zurückdrehen… good old times.

    Und an der ersten Generation der Eu40 (also zB bei mir) in einer Welt von Zweit-Generation-Eu40er geht das auch nicht spurlos vorbei.

    Eine Gefahr ist heute schnell mal jemand, wenn er nur schon eine Überzeugung hat. Ich glaube aber gleichzeitig fragen die Eu40er nach dieser ersten WischiWaschi-Übergangszeit (neben Spiritualität, Mystik, Gemeinschaft etc) auch nach Postmodernen mit Überzeugung.

    Man kann eine Zeit lang das Thema abwehren, sich nicht begeistert zeigen davon, es als einen Trend abstempeln (diese Antwort hab ich zB von einem Pastoren gekriegt) und sich weiter im Alltag fragen, warum alles so harzt. Für mich war das Thema eine riesige Freisetzung und hat viele inspirierende Gespräche aber auch (gute) Konflikte provoziert.

    Und wenn man die Gesellschaft mit diesen Augen dann wieder ansieht, sieht man schnell: das ist kein kurzfristiger Trend.

    Dran bleiben muss die Kirche. Nur so (durch die Konzentration auf Dienst, Soziales, Hilfe, Gemeinschaft…) wird sie ihr Gesicht wieder zurückkriegen, die sie laufend weg kriegt mit der weltmeisterlichen Verurteilung von anderen.

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