Rezensionen / Reviews

Zum König geboren – Dorothy L. Sayers

Was bewegt eine Krimiautorin in der Kategorie von Agatha Christie ein Hörspiel über das Leben von Jesus zu schreiben? Und wie hatte sie wohl die Frechheit, im Jahr 1943 solch eine menschliche Betrachtung dieses grössten Drama der Weltgeschichte zu dichten?

Das Buch ist eine leidenschaftlich starke Darstellung des Lebens Jesus, aus einer unerwartet menschlichen Perspektive. Die Alltagssprache bringt echte, lebensfröhliche oder verwirrte Personen zum Vorschein: eine Maria Magdala – ehemalige Tänzerin und Sängerin für die römischen Soldaten – lässt sich in eine passionierte Anhängerin ihres Helden verwandeln, voll Heiterkeit, Tiefgang und einer Hingabe, die sie nicht einmal vor dem Kreuz ausweichen lässt; oder ein Matthäus, der einfache bodenständiger Realist, der Jesus über alles liebt. Schockierend ist z.B. die Entdeckung in Judas Ischariot eines sehr intelligenten, politisch aufgeklärten, überzeugten und ergebenen Nachfolgers, der Jesus leider missversteht, und ihn verrät, in der Überzeugung, er bewahrt ihn vor dem grossen Fehltritt – und seinen Fehler fürchterlich bereut.

Auch die Ausseinandersetzungen zwischen den jüdischen Priestern und Ältesten, Pilatus und seiner Frau sind überraschend lehrreich: ein Kaiaphas, der die Meinung vertritt, die neue Weltordnung könne man nicht widerstehen, der einzige Ausweg für das Volk Israel sei die Kompromissbereitschaft mit den römischen Herrschern, und die Erwiderung Josefs von Arimathea: Ist es möglich, dass er sah, was du sahst, und wollte lieber die Tür weit aufwerfen? Nicht, um auszuschliessen, sondern, um einzuschliessen? Nicht, um Israel an Rom zu verlieren, sondern, um Rom in die Herde Israels aufzunehmen?

Ein spannendes Buch von einer teifgläubigen gelehrten Katholikin, die Jesus sowohl theologisch wie auch menschlich versteht und über allem liebt. Viele fantasievolle Details faszinieren und führen zum Nachdenken: Kinder, Dienstmädchen zeigen unerwartete Ansichten; der Hauptmann bei der Kreuzigung war der gleiche, dessen Diener Jesus geheilt hatte – eine spannende Begegnung; Balthasar, einer der Weisen aus dem Morgenland, der dem Jesuskind Myrrhe brachte, erscheint wieder – wieder von einem Stern geleitet – bei der Kreuzigung, und sieht seine prophetisches Zeichen in Erfüllung gehen.

Ein altes Buch – “The Man Born to be King” – leider auf deutsch schon lange vergriffen, das viel mehr Beachtung verdient. Und die Aufnahmen der 12 BBC-Episoden vom Jahr 1942 (und mehrerer Wiederholungen) existieren noch, wurden aber nie herausgegeben. Schade, schade!

Die Brücke über die Drina – Ivo Andric

visegrad-bridge-1900.jpgdrina.jpgObwohl als Kroat (= katholisch) erzogen, scheint Andric tiefe Einsicht in die verschiedenen ververmischten Kulturen östliches Bosnien zu haben. Und sie sind sehr speziell! Die meisten Bosnier sind “Türken” (= Muslime), aber es gibt betrachtliche Zahlen von Kroaten (= kath.), Serben (= orthodox), Juden (spanisch-sprechend!) und Zigeunern. Die meisten leben unbekümmert, ohne Ehrgeiz, ziemlich fatalistisch und eher religiös, und sind abgeneigt gegen Veränderungen und neue Entwicklungen.

Interessanterweise sieht die Gottesfurcht ähnlich aus bei Serben, “Türken” und anderen: sie haben Ehrfurcht und Achtung vor dem Schöpfer/Gesetzgeber, und verwenden eine ähnliche Sprache, sogar wenn sie miteinander über Gott reden. Aber religiöse Rituale (unterschiedlich zwischen den verschiedenen Gruppen) sind sehr wichtig. Und für uns unverständlich. Die “Türken” lieben es, im Hörbereich des Muezzin zu leben, und finden das Kreuz und die Kirchenglocken einen Gräuel.

Die Österreichische (= kath.) Annektierung führte neuezeitliche Ideen und systematische Strukturen und Regeln ein, mit denen die Einheimischen sehr grosse Probleme hatten. Die sich bekriegenden Ungläubigen (= Christen!) während dem ersten Weltkrieg können die “Türken” überhaupt nicht begreifen: eine tragische Erbe!

Sehr gut geschrieben, Andric erfasst die Leben und Ereignisse vieler einzelnen Menschen und interkultureller Begegnungen. Würdig des Nobelpreises!

Ein Buch für English-lovers! Mother Tongue, von Bill Bryson

014014305×01_aa180_sclzzzzzzz_v39961103_1.jpgLustige und z.T. faszinierende Hintergrund- Informationen und Anekdoten rund um die englische Sprache. Ein paar Kostproben:

  • Englisch ist eine Mischsprache. Aber mehr als die Hälfte der Alltagswörter sind angelsächsischen Ursprungs, trotz späterem Einfluss der Dänen und Normannen. “We feel more at ease getting a hearty welcome (ex-angelsächsisch) than after being granted a cordial reception (ex-französisch)”
  • “English also has a commendable tendency towards conciseness, in contrast to many languages. German is full of jaw-crunching words like Wirtschaftstreuhandgesellschaft, Bundesbahnangestelltenwitwe, and Kriegsgefangenenentschädigungsgesetz…”
  • Und natürlich die Wortspiele: “How do you prove in three steps that a sheet of writing-paper is a lazy dog? 1. a sheet ofwriting-paper is an ink-lined plane; 2. an inclined plane is a slope up; 3. a slow pup is a lazy dog!” QED

Gnade ist nicht nur ein Wort – Philip Yancey

Originaltitel: What’s so Amazing About Grace?

Ein sehr starker und bewegender Plädoyer für das Umsetzen der Essenz der 341711178101_scmzzzzzzz_1.jpgBotschaft von Jesus – Gnade – in einer Welt, die nach genau entgegengesetzten Prinzipien funktioniert. Gott liebt und segnet uns nicht, weil wir es verdienen, sondern weil das Seine Natur ist und Er uns dadurch zu gewinnen hofft.

Auch wir sollen die Unliebsamen lieben, die uns hassen oder ungerecht behandeln, oder solch Gemeines tun, dass sie uns abstossen, oder uns durch ihre moralische oder körperliche Verdorbenheit ekeln.

Oftmals zeigt die Kirche, und besonders die konservativen Evangelikalen, eine ganz andere Einstellung: selbstgerecht, richtende Ablehnung der ‘dreckigen Sünder’, wie zB die kaputten, erkrankten Homosexuelle (Kap 13).

Mitten in der Finsternis der ‘Ungnade’ scheinen gelegentlich ein paar Lichtstrahlen – viele gleichnishafte oder aus dem Leben gezogene Geschichten, wie der zeitgenössische “verlorene Sohn” (Kap 4).

Ab der Mitte fährt sich Yancey etwas in der amerikanischen kirchlich/politischen Szene fest, was uns in der ROTW unverständlich und irrelevant vorkommt. Am Schluss hat man noch Fragen, was die eigentliche Botschaft des Buchs ist: Wir haben die gegensätzlichen Einstellungen erkannt, sind vom Weg der Gnade überzeugt, fühlen uns schuldig/herausgefordert, … Und dann?

The Complex Christ – Kester Brewin

Untertitel: Signs of emergence in the urban church

Ein Buch, das ich nicht ohne weiteres empfehlen kann. Brewin erkannt richtig einige Mängel und028105669202_scmzzzzzzz_1.jpg Versagen des Christentums, und behauptet, wir sind auf einem ‘lokalen Gipfel’ gelandet, anstatt zuoberst auf dem Berg. Um weiter zu kommen, müssen wir uns ins finstere, dreckige Tal wagen, uns einmischen in die unschönen Realitäten dieser brutalen, ungerechten, unmoralischen Welt – Fleisch werden (become incarnate)! – bevor wir den Weg zu einem höheren, ‘verbindenden’ (conjunctive) Lebensstil finden, der Einsichten aus einer Reihe von spirituellen Kulturerben mit weltlicher Weisheit vermischt.

Er betont eine allmähliche Evolution, statt Revolution; Geben, statt Ausbeutung; Entwicklung von unten nach oben, statt eine hierarchische Dominanz – alles gutes Zeug! Seine Grossstadt-Theorie (Kap. 5) ist besonders interessant.

Aber wo er von Dreck redet, finde ich seine Symbolik konfus. Ja, Jesus bringt dem Dreckigen Hoffnung, aber nicht indem er Dreck verherrlicht, sondern indem Er reinigt. Brewin hat offensichtlich den Wunsch, das Establishment durch unverschämte Behauptungen und Praktiken zu schockieren, stützt sich auch sehr stark auf nichtchristlichen Quellen, und bezieht sich zu wenig auf biblische Wahrheiten.

N.B. Brewin unterscheidet zwischen “Emergent” (etwas verachtend; à la Brian McLaren, usw.) und “emerging”, wobei scheinbar die Gross/kleinschreibung auch eine Bedeutung haben soll! Er ist nicht von der gleichen Schule wie B McL

Breaking the Rules – Eddie Askew

Normalerweise habe ich keine Zeit – und auch kimageasp.jpgeine Begeisterung! – für tägliche Andachte. Dieses Buch hat mich aber gepackt! Die provokativen Gedanken zur jeweiligen Bibelstelle sind an sich wertvoll: offen und ehrlich, gibt Eddie eigene Zweifel und Versagen zu, lässt sich von ‘weltlichen’ Ansichten in Frage stellen, steht aber trotz allem ganz klar zu Jesus, auch wenn er Seine Aussagen nicht immer ganz verstehen oder akzeptieren kann.

Hinzu kommt jedes Mal ein Gedicht. “O Schreck!” höre ich Dich schreien. Diese Reaktion begreife ich: der grösste Teil aller Poesie finde auch ich entweder viel zu abstrus, nichtssagend oder dann einfach kindisch. Aber diese Gedichte sind nicht so; sie sind verständlich, künstlerisch und pointiert.

Das Tüpfelchen auf dem i sind die Bilder: Aquarelle von einfachen Alltagslandschaften hie und da zwischen den Gedankenanstössen. Wahrscheinlich wird er durch sie nicht reich. Aber wie gerne würde ich so malen können!

Thankyou for lending it to me, Ronnie!

Und Ewig Singen die Wälder, von Trygve Gulbranssen

Die Generationen kommen und gehen im hohen Norden Norwegens. Schweigsame, harte, adlige Männer [Vgl. “Wir konnten stundenlang miteinander schweigen” aus dem Film: «Näkkälä»], vom Überlebenskampf im Wald gegen Wild und Wetter gekennzeichnet, von Sagen und Gebräuchen aus alten Zeiten geprägt, mit einem schlummernden Glauben an den ewiggerechten Liebgott, in zwischenmenschlichen Beziehungen kläglich schwach, ringen gegen Hass- und Rachegefühle, gegen Bitterkeit, Neid und Habgier.

Zwischendurch erleben sie merkwürdige geistlich Einblicke, die ihr Leben ein zeitlang mitprägen, um dann wieder lange in Vergessenheit zu geraten. Die extrem karge Gespräche bestehen aber aus Worte, die fürs Leben zählen!

Sehr schön geschrieben; die Natur spürbar, die verknorrten Beziehungen peinlich wahrhaftig dargestellt. Es gibt Kapitel, die etwas langweilig wirken. Es gibt Gemütsschwankungen, die etwas schwer nachvollziehbar sind. Aber vielleicht ist das Leben eben so.

Die Zeit ist um 1770 bis 1830, harte Kriegsjahren im Norden, dann die Napoleonische Ära, und ein paar wenige Einflüsse aus Hamburg, Paris, London.

Besonders zum Vorschein kommen der Kampf zwischen Reichtum/Geldgier und Grosszügigkeit und die Vater-Sohn-Beziehung.

Ein sehr gutes Buch. (Eigentlich 2 Bücher: “Und Ewig Singen die Wälder” und “Das Erbe von Björndal”)

Bosnia – a Short History, von Noel Malcolm

Eine sehr gut erfoschte und lehrreiche Abhandlung, die mutig versucht, die Mächtebosnia.jpg und Ereignisse, die Bosnien über die Jahrhunderte formten, zu entwirren. Es scheint mir etwas merkwürdig, dass Malcolm, in einem vom Krieg zerrütteten Gebiet mit ständig verändernden Herrschern, Grenzen, und nationalen Zuständen, gerade multiethnisches, multireligiöses Bosnien besonders heraushebt, als besitze oder verdiene es politische Unabhängigkeit, und allen anderen (besonders den Serben) vorwirft, dieses angeborene Recht zunichte zu machen, oder, durch Unkenntnis der historischen Tatsachen, jeden ernsthaften Versuch, die Spannungen zu lösen, vollständig zu verbocken.

Es wird klar, dass Malcolm die bosnischen Mosleme grundsätzlich als aufrichtiges, friedhaftes Volk ansieht, und besonders die Serben als arrogant, aggressiv, expansionistisch.

Aufklärend aber wahrscheinlich immer noch nicht die ganze Wahrheit.

Shaped by Our Stories, Brian McLaren

Habe mir gestern diesen Vortrag (aus einer Kleingruppenkonferenz von Willow Creek in Illinois im 2005) von BMcL angehört. Nichts revolutionäres, aber das erste Mal, dass ich seine Stimme höre!

Er betont die Wichtigkeit von Erzählungen: eine Erzählung hört man lieber zu und versteht man besser als eine theoretische Abhandlung. Aber, was mir wichtig dünkt, ist seine Behauptung, dass wir durch das Erzählen von Erlebnissen sowohl uns selbst, wie auch unsere Zuhörer, formen: wer anderen schöne Erfahrungen mit Freude und Dankbarkeit weitererzählt, der prägt seine eigene Lebenseinstellung und die seiner Gesprächspartner zum Positiven; wer ständig jammert und kritisiert formt sich (und seine Zuhörer) zu Klagegeistern.

Auf der andere Seite kann man andere zu guten Taten animieren, in dem man von eigenen Hilfeleistungen erzählt (Gefahr: Prahlerei!). Er empfielt das regelmässige Nachfragen innerhalb einer Kleingruppe: was hast du in der letzten Woche Schönes erlebt? was hast du in der letzten Woche Gutes getan?

So praktiziert er seine Prinzipien auch; er erzählt einige eigene positive Erlebnisse und animiert die Anwesenden zum Austauschen untereinander. Wertvolle Impulse!

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