Ein Beziehungsgeflecht

Die Unschärfe der Welt – von Iris Wolff

Eindrücke vom Buch

5 Stars
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“Die Unschärfe der Welt” ist eine sorgfältig konstruierte Erzählung über das Leben verschiedener, miteinander verflochtenen Persönlichkeiten aus mehreren Generationen einer deutschen Familie in Rumänien. Sie beginnt zur Zeit des Kommunismus und dauert bis nach dem Sturz von Ceaușescu.

Die Umstände werden sehr anschaulich beschrieben, bevor klar wird, wer die Akteure eigentlich sind und was sie vorhaben; mit der Zeit nehmen sie dann Gestalt an und wir lernen sie von innen kennen.

Wir erfahren die Schwierigkeiten des Lebens im multiethnischen, kommunistischen Rumänien, und verstehen die Sehnsucht der jungen Generation, in den Westen zu fliehen. Für die Hauptfigur, den Ausreisser Samuel, erweisen sich die krassen Unterschiede als schwer verdaulich.

Besonders auffallend sind immer wieder die fantasievoll formulierten Einblicke in die Gedankengänge der Figuren und die fast poetischen Beschreibungen scheinbar banaler Situationen. Das Buch ist ein sprachliches Meisterwerk. Gleichzeitig betont die Autorin, wie unzureichend Worte sind, wenn es darum geht, Eindrücke und Gegebenheiten darzustellen oder zu beschreiben. Diese Erkenntnis spiegelt sich in dem Titel “Die Unschärfe der Welt” wider.

Wichtigste Handlungen

Hannes wird als lutherischer Pfarrer in ein abgelegenes Dorf bei Arad gerufen.  Die Lebensbedingungen auf dem Lande sind prekär. Nach 1947 werden sie durch die Sowjetisierung immer härter, da Rumänien unter vielen Mängeln leidet und die Gesellschaft immer brutaler von der Securitate kontrolliert wird. Hannes’ Frau Florentine, eine Stadtfrau, hat einige Schwierigkeiten, sich an das einfache Landleben zu gewöhnen und zieht sich in ihre eigenen Erinnerungen und Gedanken zurück. Sie spricht kaum mit ihrem neugeborenen Sohn Samuel, der dadurch sehr ruhig und in sich gekehrt wird.

Florentines Freundin Nika, die Frau von Paul und Mutter dreier Kinder, stirbt nach einem misslungenen Abtreibungsversuch. Ihr Sohn Oz wird guter Freund von Samuel. Konstanty und Malva kommen zu Hannes, um ihre Tochter Stana taufen zu lassen. Die Familien treffen sich regelmässig zum Kartenspielen. Samuel und Stana wachsen als Kindheitsfreunde zusammen auf, bis er sie, inzwischen ein Teenager, zufällig beim Baden im Garten sieht. Von da an verändert sich ihre Beziehung.

Luthers Auftrag an die Pfarrhöfe, die Gastfreiheit nach Auflösung der Klöster fortzusetzen, führte dazu, dass im Sommer keine Woche ohne Besuch verging. Als Bene und Lothar, schwule Studenten aus der DDR, für einige Monate bei Hannes und Florentine Unterschlupf suchen, erweckt dies den Verdacht der Behörden, dass sie politische Unruhe stiften. Hannes wird verhört.

In früheren Zeiten waren Hannes’ Eltern, Karline und Johann, wohlhabend. Sie führten die erfolgreichste Wollwäscherei Siebenbürgens. Seit der staatlichen Enteignung leben sie bescheiden mit ihren Erinnerungen. Hat Karlines jugendliche Romanze mit König Michael wirklich stattgefunden oder war das nur eine Mädchenfantasie? Zu der Zeit lebte er im Exil in der Schweiz.

Nach dem Militärdienst stehlen Samuel und sein Freund Oz ein Flugzeug und fliehen in den Westen. Samuel hat grosse Mühe, sich an das deutsche Leben anzupassen und findet dort keine wirklichen Freunde. Er weiss nicht, dass seine Freundin Stana schwanger ist. 

Nach dem Sturz von Ceaușescu 1989 ruft Samuel seine Eltern an. Zusammen mit Bene, den er zufällig wieder getroffen hat, reist er zu ihnen nach Rumänien zurück. Erst dort angekommen, erfährt er, dass er eine Tochter, Livia, hat, deren Geburt verheimlicht wurde, damit er nicht zurückkehren und eine Inhaftierung als Ausreisser riskieren würde. Mit Stana bekommt er ein weiteres Kind, Jarik.

Livia wächst auf und lernt zaubern. So kann sie auch Sachen verschwinden und wieder zurückholen lassen. Sie befreundet sich mit Noah und träumt über die Zukunft.

Bemerkenswerte Zitate

In den ersten Jahren hatte sie versucht, alles allein zu bewältigen (bis ihr die Beeren Hände und Träume rot einfärbten), inzwischen halfen ihre Nachbarinnen. (S. 21)

Florentine spürte Worten gegenüber ein nie ganz aufzulösendes Unbehagen. Die Unschärfe der Aussagen verunsicherte sie. Wie sehr sie sich auch bemühte: Sprechen reichte nicht an die Wirklichkeit der Erfahrung heran. (S. 22)

Die Schule sei das denkbar absurdeste System, um Kinder auf Leben vorzubereiten, sagte Hannes. Allein wie sie in militärischen Reihen an Tischen stillsitzen mussten, während der Vormittag in jenen willkürlichen Stundentakt eingeteilt war. Neugier, Forschergeist, alles, was Kinder natürlicherweise mitbrachten, wurde ihnen ausgetrieben. Fehler machen zu können, herauszufinden, was man gut konnte, erfahren, wer man sein wollte, jenseits von überkommenen Bildern – nichts davon war in der Schule wichtig. Es sei ein starres, totalitäres System, das, wie alle Systeme, irgendwann gegen statt für den Menschen arbeitete. (S. 88)

»Was meinst du mit einheimisch? Schwäbisch, slowakisch, ungarisch, rumänisch, tschechisch, jüdisch oder vielleicht serbisch?«, fragte Florentine. (S. 113)

Samuel ging mit Worten um, als würden sie durch übermässiges Aussprechen abnützen. (S. 112)

Bene konnte das Gefühl nicht abschütteln, dass das Abenteuer immer dort stattfand, wo er gerade nicht war… In Büchern aber war er mittendrin. Hier wurde nur gespielt, wenn er anwesend war, und war er es nicht, wurde auf ihn gewartet. (S. 157-8)

Bene mochte, wie sich die Gedanken beim Sprechen sortierten. In Unterhaltungen fühlte er sich lebendig. Selbst Kundengespräche, tagein, tagaus, die oft über Bücher hinaus führten, zu dem, was die Leute erlebten, was sie beschäftigte, ermüdeten ihn nicht. Ein guter Buchhändler wusste einiges von seiner Kundschaft.

Samuels Äusserungen ging ein langes Schweigen voraus. Sprach er sie aus, gab es daran nichts zu rütteln oder zu korrigieren. Sein Schweigen war nicht vorsätzlich, doch für Bene konnte es mitunter wie eine Strafe wirken. Wortkargheit an anderen Menschen langweilte ihn. An Samuel war auch das schön. Es war eine Schweigsamkeit, die aus einer langen Einsamkeit herrührte, und nur jemand, der mit dem Alleinsein vertraut war, erkannte sie als solche. (S. 167)

Bene dachte, ich bin hier, damit ich nicht woanders sein muss. (S. 177)

Es gab Leute, die erst etwas sagten und dann nachdachten – als gäbe dieses Wort eine zeitliche Abfolge vor. Leute, die während eines ganzen Abends keine einzige Frage stellten, und andere, die unablässig fragten, um das Gespräch von sich fernzuhalten. Es gab Leute, die einen widerlegten, andere, die einen bestätigten, und nur wenige hatten, wie Florentine und Hannes, jene Offenheit, die ohne Urteil auskam. (S, 179)

Eine Uhr tickte, so laut, als würde ihr das Voranschreiten der Zeit Mühe bereiten. (S. 192)

Ihre Eltern waren das Gedächtnis ihrer Grosseltern, ihre Grosseltern waren das Gedächtnis ihrer Urgrosseltern. (S. 204)

Die Buchstaben waren so sorgfältig zu Papier gebracht, als hätte er jeden einzelnen überreden müssen zu erscheinen. (S. 204)

Oft waren Name und Person nicht miteinander verbunden, und sie dachte, dass die Schuld nicht bei ihr lag, sondern bei demjenigen, der es nicht zustande gebracht hatte, sich mit seinem Namen zu verbinden. (S. 206)

Für Anfänge musste man sich entscheiden, Enden kamen von allein, wenn man sich nicht entschieden hatte. (S. 209)

»Ich stelle mir manchmal vor, wie es wäre, ein anderer zu sein«, sagte Noah, »jemand, der zur Tür hereinkommt und mich sieht.«
Liv erzählte von einem Mann, der auf offenem Meer an einem Seil hinausgeschwommen war, um sein Schiff von aussen zu sehen, als es mit vollen Segeln fuhr. Erst später sei ihm bewusst geworden, in welche Gefahr er sich gebracht hatte. Aber es war ihm unerträglich, sein Schiff nicht vollständig sehen zu können. Die Erfahrung, auf dem Schiff zu sein, habe nicht gereicht.
»Genau das wünsche ich mir. Mich von aussen sehen zu können, ich meine, wirklich sehen«, antwortete Noah.
»Das kannst du doch«, meinte Liv. Und dachte: Weisst du es denn nicht? »Durch die Menschen um dich herum. Sie alle sehen dich, jeder auf seine Weise. Du bist nicht der Mann, der zur Tür hereinkommt, aber du bist derjenige, der hier sitzt und den Mann sieht, der zur Tür hereinkommt. Ergibt das Sinn?«, schob sie nach, weil er nichts sagte.
»Ja«, sagte Noah und küsste sie.
Den Wunsch nach Unterscheidung gab es nur in der Sprache, dachte Liv, als sie an einem Abend auf dem Bett lagen und Musik hörten. In der Erfahrung ging eins ins andere über. Immerzu. (S. 211)

Ein Zauberer war ein ehrlicher Lügner… Das Publikum wird dort hinsehen, wo der Zauberer hinsieht. Der Blick des Zauberers ist der Blick des Publikums. (S. 213)

Hauptfiguren der Geschichte

  • Hannes: lutherischer Pfarrer, versetzt in ein kleines Dorf unweit von Arad an der rumänischen Westgrenze.
  • Florentine: seine aus Hermannstadt (Sibiu) stammende Frau, die Mühe hat, auf dem Lande Fuss zu fassen.
  • Samuel: ihr Sohn, ein ruhiger, nachdenklicher Junge, der lieber Schafhirt würde als in die Schule gehen. 
  • Stana (Sana): Tochter des jähzornigen Slowaken Konstanty und seiner Frau Malva.
  • Livia: Tochter von Stana, geboren ohne Kenntnis seines Vaters, Samuel, als er in Deutschland lebte.

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